IQB-Bildungstrend 2024 in Mathematik und den Naturwissenschaften

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IQB-Bildungstrend 2024 in Mathematik und den Naturwissenschaften

Was die IQB-Ergebnisse über unsere Schule erzählen

-> IQB-Bildungstrend 2024: Schulspezifische Ergebnisrückmeldung (PDF)

 

Zur Teilnahme der Offenen Schule Waldau am IQB-Bildungstrend 2024
Im Frühjahr 2024 nahmen zwei Klassen unseres 9. Jahrgangs an der bundesweiten IQB-Bildungstrendstudie teil – einer Erhebung, die alle drei Jahre untersucht, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler in Mathematik und den Naturwissenschaften erreichen. Die Ergebnisse liegen nun vor. Sie machen uns stolz – und sie werfen Fragen auf, denen wir uns stellen wollen.

Was wurde gemessen – und unter welchen Bedingungen?
Zunächst die Einordnung: Getestet wurden 46 Schülerinnen und Schüler aus zwei Klassen, also ein Ausschnitt unseres Jahrgangs. Die Klassen wurden nicht von uns ausgewählt, sondern per Zufallsverfahren vom IQB bestimmt. Dass dabei zwei Lerngruppen getroffen wurden, die die soziale Zusammensetzung unserer Stadtteile Waldau und Forstfeld repräsentativ abbilden – und eben nicht Gruppen mit einem überdurchschnittlichen Anteil an Kindern von außerhalb des Einzugsgebiets –, macht die Ergebnisse umso aussagekräftiger. Die Erhebung fand zudem kurz vor den Sommerferien statt, keine ideale Phase für Konzentration und Anstrengungsbereitschaft. Was unsere Schülerinnen und Schüler hier gezeigt haben, haben sie unter Alltagsbedingungen gezeigt.

Die Ergebnisse
In Mathematik erreichten unsere Schülerinnen und Schüler einen Mittelwert von 455 Punkten. Zum Vergleich: Andere Gesamtschulen in Hessen liegen bei 416 Punkten, der Bundesdurchschnitt der Gesamtschulen bei 435 Punkten. Besonders stark zeigen sich unsere Neuntklässlerinnen und Neuntklässler im Bereich „Messen“ (466 Punkte) und „Daten und Zufall“ (463 Punkte).

Ein ähnliches Bild in den Naturwissenschaften: In Biologie (Erkenntnisgewinnung) liegt unsere Schule bei 481 Punkten – fast 40 Punkte über dem hessischen Vergleichswert. Auch in Chemie und Physik liegen die Ergebnisse durchweg über den Vergleichsgruppen.

Dabei ist der Hintergrund unserer Schülerschaft alles andere als privilegiert: Die formale Bildungsbiografie der Eltern liegt mit durchschnittlich 12,6 Jahren unter dem Bundesdurchschnitt (13,2 Jahre). Fast 38 Prozent der getesteten Jugendlichen haben einen Zuwanderungshintergrund. Der Integrationsbericht der Stadt Kassel weist für Waldau einen Migrationsanteil von 67,2 Prozent aus.

Gegen den Trend
Wer den IQB-Bildungstrend 2024 insgesamt liest, findet dort ein ernüchterndes Bild: Bundesweit stagnieren oder sinken die Kompetenzen, die sozialen Disparitäten wachsen, und gerade an Schulen in herausfordernden Lagen scheint sich der bekannte Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg weiter zu verfestigen. Unsere Ergebnisse stehen gegen diesen Trend. Kinder aus Waldau und Forstfeld – Stadtteile, die in keiner Statistik als bildungsnah auftauchen – erreichen Kompetenzen, die deutlich über dem liegen, was Prognosemodelle ihnen zuschreiben würden.

Das passiert nicht zufällig. Es passiert, weil an dieser Schule über Jahre hinweg Entscheidungen getroffen wurden, die genau darauf zielen: ein Kollegium, das an die Wirksamkeit der eigenen Arbeit glaubt und diese Überzeugung in klaren Routinen und hohen Erwartungen lebt. Fachkonferenzen, die nicht nur Stoff verwalten, sondern Unterricht gemeinsam weiterentwickeln. Und eine Schulkultur, die Beziehung nicht als weiches Zusatzangebot versteht, sondern als Fundament, auf dem Lernen überhaupt erst gelingt. Darauf sind wir stolz – nicht als Selbstbestätigung, sondern weil es zeigt, dass die Arbeit, die wir täglich leisten, ankommt.

Was die Zahlen nicht sagen
Man muss ehrlich bleiben: Zwei Klassen sind ein Ausschnitt, kein vollständiges Bild. Die Ergebnisse sind ermutigend, aber sie sind keine Garantie dafür, dass wir in jedem Jahrgang und in jeder Lerngruppe gleich stark aufgestellt sind. Genau das bleibt eine unserer größten Baustellen – die Frage, ob guter Unterricht bei uns verlässlich stattfindet oder zu stark davon abhängt, welche Lehrkraft gerade in welchem Team arbeitet.

Was uns die Daten aber doch verraten
Neben den Kompetenzwerten wurden auch die soziale Eingebundenheit und Schulzufriedenheit erhoben. Hier zeigt sich ein Wert, der für uns besonders bedeutsam ist: Die soziale Eingebundenheit unserer Schülerinnen und Schüler liegt bei 3,21 – deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 3,03. 84 Prozent der getesteten Jugendlichen geben an, sich an unserer Schule sozial gut eingebunden zu fühlen. Bundesweit sind es 64 Prozent.

Das ist kein Zufall. Das ist das, woran wir täglich arbeiten. Unser Leitbild „Beziehung vor Erziehung vor Unterricht“ ist keine Floskel – es ist die Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche besser lernen, wenn sie sich sicher und zugehörig fühlen. Die IQB-Daten legen nahe, dass dieser Zusammenhang wirkt: Wer sich an seiner Schule wohlfühlt, bleibt länger an Aufgaben dran und wagt mehr. Bindung schafft Bedingungen für Bildung.

Gleichzeitig fällt auf, dass das fachbezogene Interesse in Chemie mit einem Mittelwert von 2,00 auffallend niedrig liegt. Das ist ein Hinweis, den wir ernst nehmen müssen – gute Kompetenzergebnisse und niedrige Fachmotivation sind kein Widerspruch, aber ein Warnsignal, dem wir nachgehen wollen.

Und jetzt?
Die Ergebnisse bestätigen, dass unsere Arbeit wirkt. Aber sie zeigen auch, wo der Erfolg an seine Grenzen stößt. Denn er basiert zu einem großen Teil auf dem persönlichen Engagement einzelner Lehrkräfte – auf Beziehungsarbeit, die viel Kraft kostet. Wenn Schulqualität vor allem vom Einsatz Einzelner abhängt, ist das mutig, aber nicht nachhaltig.

Was wir brauchen, ist der Schritt vom Engagement Einzelner zu tragfähigen Strukturen. Konkret arbeiten wir an vier Themen:

Erstens wollen wir den Mut zur Reduktion aufbringen. Weniger Stofffülle in den Fachcurricula, damit mehr Raum für vertieftes Lernen und Beziehungsarbeit entsteht. Zweitens wollen wir beim Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen stärker vom reinen Materialtausch zum Teilen von Unterrichtserfahrungen kommen – durch kollegiale Hospitation und gemeinsame Planung. Drittens brauchen wir verlässliche Mindeststandards, damit Unterrichtsqualität nicht vom Zufall der Teamzusammensetzung abhängt. Und viertens müssen Querschnittsaufgaben wie Inklusion, Sprachförderung und Medienbildung zentral gedacht werden, statt als Zusatzlast auf den Schultern Einzelner zu liegen.

Ein guter Moment – und ein Auftrag
Wir freuen uns über diese Ergebnisse. Sie zeigen, dass Kinder aus Waldau und Forstfeld mehr können, als statistische Prognosen ihnen zutrauen. Und sie zeigen, dass eine Schule, die Beziehung ernst nimmt, damit nicht gegen Leistung arbeitet, sondern für sie.

Gleichzeitig nehmen wir die Ergebnisse als das, was sie sind: ein Zwischenstand. Der Neubau ab 2028 wird uns neue Möglichkeiten geben. Aber die entscheidende Arbeit findet im Kopf statt – bei uns als Kollegium und bei unseren Schülerinnen und Schülern, die jeden Tag zeigen, dass Herkunft nicht Zukunft bestimmen muss.

Pascal Berkenheger,
Schulleiter